Nutzungen



Variante II

Nutzungen, die mit stofflichen oder nichtstofflichen [1] (meist technischen) Eingriffen in marine Lebensräume bzw. Ökosysteme verbunden sind oder sein können. Das (spezifische) Naturschutzziel ist hierbei die Erhaltung der (marinen) Biodiversität. Prototypisch kann für stoffliche Eingriffe die marine Sand- und Kiesentnahme – auch bei sog. Aufspülungen für Küstenschutzzwecke –, für nichtstoffliche die unterseeische Kabelverlegung mit Erzeugung künstlicher magnetischer und elektrischer Felder genannt werden.

Nutzung Ursache Wirkung
1. Schifffahrt (Handelschifffahrt) • Ballastwasser • Zuführung fremder oder neuer Arten
2. Wasserbau an Meeresküsten (coastal engineering), z.B.:

• Seehäfen
• (Gezeiten-)Kraftwerke
• Seewasserstraßen
• Bau von Hafenanlagen, Kanälen und sonstigen Anlagen • unmittelbarer Verlust von Lebensräumen
• Trübungsfahnen und Sedimentation in der Bauphase Fische:

• Behinderung der Nahrungssuche
• Schädigung des Fischlaichs

Zoobenthos:

• direkte Verluste
• Änderung der Strömungs- und Sedimentverhältnisse Zoobenthos:

• Änderung der Zusammensetzung der benthischen Lebensgemeinschaften
• Emissionen von Schall und Vibrationen in den Wasserkörper Meeressäugetiere und Fische:

• Scheuchwirkung führt zur Verkleinerung des Lebensraums, zur Beeinträchtigung des Verhaltens und zu Stress
3. Küstenschutz und Landgewinnung • Trübungsfahnen und Sedimentation in der Bauphase Fische:

• Behinderung der Nahrungssuche
• Schädigung des Fischlaichs

Zoobenthos:

• direkte Verluste
• Aufspülungen • Verlust von Lebensräumen

• Vergleichbare Auswirkungen wie bei mariner Sand- und Kiesentnahme (siehe Punkt 7)
• Anlegen von Lahnungsfeldern (Errichtung von Schlickfängern zur Beschleunigung des Prozesses der Schlickablagerung) Vögel:

• Zerstörung von Feuchtgebieten als Lebensräume von Vogelpopulationen
• Änderung der Strömungs- und Sedimentverhältnisse Zoobenthos:

• Änderung der Zusammensetzung der benthischen Lebensgemeinschaften
4. Errichtung und Betrieb von Offshore-Windenergieanlagen [2] • Anlagen bzw. Rotoren Vögel:

• Scheuch- und Ablenkungswirkungen führen zum Verlust von Nahrungs- und Rastflächen
• Kollisionen führen zu direkten Verlusten (Vogelschlag)
• Schattenwurf der Rotoren Meerssäugetiere:

• Scheuchwirkung führt zur Verkleinerung des Lebensraums, zur Beeinträchtigung des Verhaltens und zu Stress
• Emissionen von Schall und Vibrationen in den Wasserkörper Meerssäugetiere und Fische:

• Scheuchwirkung führt zur Verkleinerung des Lebensraums, zur Beeinträchtigung des Verhaltens und zu Stress/ evtl. Fehlorientierung
• Trübungsfahnen und Sedimentation in der Bauphase Fische:

• Behinderung der Nahrungssuche
• Schädigung des Fischlaichs

Zoobenthos:

• direkte Verluste
• Fundamentsetzung Zoobenthos:

• lokale Zerstörung führt zu Lebensraumverlusten
• weit sichtbare Bauten • Eingriff in das Landschaftsbild (ästhetische Beeinträchtigung)

• Auswirkungen auf Fauna (Vögel) z.T. ungeklärt (Orientierung)
• Änderung der Strömungs- und Sedimentverhältnisse Zoobenthos:

• Änderung der Zusammensetzung der benthischen Lebensgemeinschaften
• (Gefährdung des Schiffsverkehrs, Kollisionsgefahr) • (Verschmutzungen z.B. durch Öl)
5. Errichtung und Betrieb sonstiger künstlicher Inseln, Anlagen und Bauwerke • Vergleichbare Auswirkungen wie bei Offshore-Windenergieanlagen (siehe Punkt 4)

• Fremdlicht
6. Verlegung unterseeischer Kabel:

• Starkstromkabel
• Kommunikationskabel
• Erzeugung künstlicher magnetischer und elektrischer Felder Meeressäugetiere und Fische:

• Störung der klein- und großräumigen Orientierung
• Behinderung der Nahrungssuche
7. marine Sand- und Kiesentnahme [3] • Substratentfernung und Veränderung der Bodentopographie • Vernichtung der In- bzw. Epifauna und der Flora

• Verlust von Lebensräumen
• Veränderung der hydrographischen Verhältnisse

• Änderungen des Wasseraustausches und des Sedimenttransports

• Verstärkung des Küstenabtrags bei Kies- und Sandabbau im küstennahen Bereich
• Verlust von Lebensräumen für bestimmte Arten

• Änderung der Zusammensetzung der benthischen Lebensgemeinschaften
• Bildung von Trübungsfahnen • Gefährdung der benthischen Vegetation durch Beschattung oder Sedimentbedeckung

• Ausweichreaktionen von Fischen
• Remobilisation chemischer Stoffe • Freisetzung von chemischen Verbindungen (v.a. Nährstoffe, Schwermetalle)

• Abnahme des Sauerstoffgehalts
• Sedimentation suspendierten Materials und Übersandung mariner Organismen • Entwicklungsbeeinträchtigungen für benthische Organismen

• Verschüttung von Fischlaich und sessilen benthischen Organismen (z.B. Muscheln)
8. Fischerei [4] wirtschaftliche Nutzung insbesondere folgender Bestände:

• Nordsee: Hering, Kabeljau, Seelachs, Schellfisch, Wittling, Scholle, Seezunge, Sandaal, Sprotte, Makrele

• Ostsee: Hering, Dorsch, Sprotte, Aal, Lachs, Flunder
• Überfischung

• Veränderung der Artenzusammensetzung und des Größenspektrums

• Beifang- und Discard-Problematik
• Fischerei mit Treibnetzen • Beifang von Robben, Schweinswalen, Delphinen, Seevögeln
• Fischerei mit Stellnetzen • Verfangen von Seevögeln und Schweinswalen in den Netzen
• Fischerei mit Baumkurren • Zerstörung von Lebensräumen

• Trawlspuren auf dem Meeresboden

• Zerstörung von Organismen auf dem Meeresboden

• Veränderung der Artenzusammensetzung der benthischen Gemeinschaft

• Beifang von marinen Wirbellosen und Nichtzielfischarten

• Discard-Problematik
• Garnelenfischerei • Beifang von Nichtzielfischarten, v.a. von Plattfischen

• Discard-Problematik
• Scherbrettfischerei • Beifang von Jungstadien größerer Nichtzielfischarten bzw. anderer kleinerer Nichtzielfischarten

• Discard-Problematik

• Pflugspuren im Sediment

• Schädigung der Benthosfauna
• Industriefischerei (Produktion von Fischmehl und Fischöl) • Gefährdung anderer Bestände durch Beifang von Jungfischen

• Verknappung des Nahrungsangebots für regionale Vogel- und Meeressäugerpopulationen
9. Jagd (hunting) • Absichtliches Töten oder Fangen

• Entnahme bzw. Sammeln von Eiern
• direkte Verluste bei den Zielarten
10. wissenschaftliche Meeresforschung (marine scientific research) • z.B. Bioprospektion
• Punktuelle direkte Verluste bei den zu erforschenden Arten

• Beunruhigung
• Einsatz akustischer Untersuchungsmethoden
• Scheuchwirkungen, Stress bei Meeressäugern und Fischen
Tabelle 1: Stoffliche und nichtstoffliche Eingriffe (meist technischer Art) in marine Lebensräume bzw. Ökosysteme; Naturschutzziel: Erhaltung der marinen Biodiversität


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Quellen:
[1] Hierzu P.-T. Stoll: NuR 1999, S. 666 ff.; ders., Meeresschutz im Küsten- und Offshore-Bereich im Hinblick auf nicht-stoffliche Einflüsse, in: D. Czybulka (Hrsg.), Naturschutz und Rechtsregime im Küsten- und Offshore-Bereich. Vierter Warnemünder Naturschutzrechtstag, Baden-Baden 2003, S. 25 ff.
[2] T. Merck, H. von Nordheim: DHZ 1999, Supplement 10, S. 79 ff.; dies., Mögliche Probleme von Offshore-Windenergieanlagen aus Naturschutzsicht, in: T. Merck, H. von Nordheim (Hrsg.), Technische Eingriffe in marine Lebensräume, Workshop des Bundesamtes für Naturschutz, Internationale Naturschutzakademie Insel Vilm, 27. bis 29. Oktober 1999, Tagungsband, BfN-Skripten 29, Bonn-Bad Godesberg (Bundesamt für Naturschutz) 2000, S. 88 ff.
[3] C. Herrmann, J. C. Krause: Ökologische Auswirkungen der marinen Sand- und Kiesgewinnung, in: H. von Nordheim, D. Boedeker: Umweltvorsorge bei der marinen Sand- und Kiesgewinnung, – Tagungsband BLANO-Workshop –, INA Insel Vilm, 18. November 1998, BfN-Skripten 23, Bonn-Bad Godesberg (Bundesamt für Naturschutz) 2000, S. 21 ff.
[4] Von C. Hammer, T. Gröhsler, H.-J. Rätz: Entwicklung und gegenwärtige Lage wichtiger Fischereiressourcen des Nordatlantiks, der Nord- und Ostsee, in: Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (Hrsg.), Jahresbericht über die deutsche Fischwirtschaft 2002, Meckenheim 2002; G. Schriever/ H. Bluhm/ G. Hoffmann/ S. Garthe, Gutachten zu den Auswirkungen der Fischerei und baulicher Maßnahmen auf den Umweltzustand von Nord- und Ostsee (BLMP-Vertragsgebiet) – Probleme der Monitorings –, 1995.