Bonner Übereinkommen



ASCOBANS – Agreement on the Conservation of Small Cetaceans of the Baltic and North Sea

Die Wale gehören zu den bemerkenswertesten marinen Säugetieren und bedürfen eines effektiven Schutzes schon deshalb, weil sie sich nur langsam reproduzieren. Neben der allgemeinen seevölkerrechtlichen Möglichkeit, den Schutz der marinen Säugetiere auf einem höheren Niveau zu gestalten als den der Fische (vgl. Art. 65 SRÜ) gibt es Schutzbemühungen bezüglich der großen Wale schon seit 1946 im Gefolge der Internationalen Walfang-Konvention. Einige Autoren datieren den Beginn auf das Jahr 1925, [1] das Jahr der Unterschutzstellung des Glacier Bay National Monument in und vor Alaska. Während die großen Wale vor allen Dingen durch die Jagd gefährdet sind oder waren, ist die Haupttodesursache für die Kleinwale der so genannte Beifang (Bycatch), also eine Folge der Fischerei. Neben dem Beifang werden die Verschmutzung, die akustische Belästigung und „Competition Fisheries“ als weitere Gefahren benannt.

Auf die spezifischen Gefährdungen wollte das Abkommen für die Erhaltung von Kleinwalen in der Nord- und Ostsee (Agreement on the Conservation of Small Cetaceans of the Baltic and North Seas) reagieren. Das Abkommen wurde in den Grundsätzen 1991 im Rahmen der Bonner Konvention (CMS) erarbeitet und ist wie das AEWA ein Tochter-Übereinkommen dieser Konvention. Es folgt deshalb auch im Wesentlichen der Logik der CMS. Wale sind wandernde Tierarten, wobei das Wanderverhalten höchst unterschiedlich ist. Man unterscheidet bei 84 Arten zwei Unterordnungen, die Zahnwale und die Bartenwale. Alle Bartenwale sind groß bis sehr groß, ernähren sich aber – im Unterschied zu den Zahnwalen – von winzig kleinen Tieren, vor allem dem so genannten Krill. Zu den Bartenwalen zählt das größte aller lebenden Säugetiere, der Blauwal. Von ASCOBANS erfasst sind kleine Cetaceen, womit alle Zahnwale (Odontoceti) mit Ausnahme des Pottwales (Physeter Macrocephalus) umfasst sind.
Obwohl Wale und insbesondere die kleinen Walarten wie der Delphin und der Tümmler bei den Menschen ein gutes „Image“ haben, wurden auch diese bejagt und verzehrt: Allein an der Schwarzmeerküste kamen noch bis Ausbruch des Zweiten Weltkrieges regelmäßig je Saison über 100.000 Delphine auf die Märkte. [2] Die großen Wale mit ihrer mächtigen Speckschicht („Right Wales“) wurden für alle denkbaren Zwecke verwendet. Insbesondere im Bezug auf die großen Wale kam 1936 das erste internationale Abkommen zwischen den am Walfang beteiligten Staaten zustande, mit dem Jahre 1946 trat die „International Whaling Commission“ (IWC) auf den Plan. In der Zwischenzeit sind auch einige kleine Walarten stark gefährdet bzw. schon ausgestorben. Ausgestorben dürfte in diesen Jahren der chinesische Flußdelphin oder Beji sein (Lipotes vexillifer). Vom Aussterben bedroht ist der kalifornische Golftümmler (Phocoena sinus), ein enger Verwandter unseres heimischen Schweinswals (Phocoena phocoena), der erst 1950 erstmals beschrieben wurde. Von den „Vaquitas“ verenden – bei einem Gesamtbestand von maximal 400 – jährlich bis zu 80 Tiere in Fischernetzen. Die Ostsee-Unterart des Schweinwals steht gleichfalls kurz vor dem Aussterben. [3] Für den Ostsee-Schweinswal wurde nach der Verabschiedung einer Resolution auf der 2. Vertragsstaatenkonferenz von ASCOBANS ein Rettungsplan-Workshop im Jahre 2002 durchgeführt, der nach dem Tagungsort in Polen Jastarnia-Plan heißt. Der Jastarnia-Plan enthält Empfehlungen zur Senkung des Fischereiaufwandes in bestimmten Fischereiarten, die Umstellung von Fischereimethoden von Fanggeräten, die mit hohen Beifangraten in Zusammenhang gebracht werden (Treibnetze, Bodenstellnetze) und die kurzfristige weitere Umsetzung eines Pinger-Programms. [4] Geschützt durch das Abkommen sind neben dem Schweinswal oder Kleintümmler auch der Große Tümmler, der Gewöhnliche Delphin, der Weißschnauzendelphin, der Atlantische Weißseitendelphin, der Streifendelphin (oder blauweiße Delphin), der Rissodelphin (oder Rundkopfdelphin), der Schwertwal, der Langflossengrindwal, der Entenwal und andere Schnabelwale, die gelegentlich im Vertragsgebiet auftauchen.

Geltungsbereich des Abkommens

Der Geltungsbereich des Abkommens war zunächst zu eng gezogen. Insbesondere die nordwestlichen Gewässer Großbritanniens und Irlands sowie der gesamte Bereich der westlichen Küste Frankreichs und die Gewässer der Iberischen Halbinsel waren zunächst ausgespart. Damit ergab sich für große Bereiche des Atlantiks eine Lücke zwischen dem ASCOBANS-Gebiet und dem Arealgebiet des in der Sache ähnlichen Abkommens zur Erhaltung der Cetacea im Schwarzen Meer, Mittelmeer und angrenzenden Gebieten des Atlantiks (ACCOBAMS). [5] Daher wurde auf der 4. ASCOBANS-Vertragsstaatenkonferenz im Jahre 2003 in Esbjerg (Dänemak) durch die Annahme einer Resolution eine Erweiterung des Vertragsgebietes auf die entsprechenden Bereiche des Atlantiks und die Irische See beschlossen, um das gesamte Wanderungsgebiet abzudecken und auch eine geographische Verbindung mit dem ACCOBAMS-Abkommen zu erreichen (vgl. Abbildung). In derselben Resolution wurde auch eine Namensänderung beschlossen: Das Übereinkommen heißt nun „Übereinkommen zur Erhaltung von Kleinwalen in der Ostsee, dem Nordost-Atlantik, der Irischen See und der Nordsee".

Der Anschluss des Vertraggebietes an das von ACCOBAMS umfasste marine Gebiet ist sehr zu begrüßen. Bislang ergibt sich ein erhebliches Defizit daraus, dass wichtige Arealstaaten, namentlich Irland und Norwegen, die baltischen Staaten mit Ausnahme von Litauen, Russland, aber auch Portugal und Spanien das Abkommen noch nicht unterzeichnet bzw. ratifiziert haben. Das ASCOBANS-Sekretariat, das sich in Bonn befindet wirbt denn auch für einen Beitritt weiterer Staaten durch eine „Guide to accession“.
ASCOBANS sieht als Einrichtung neben dem eben erwähnten Sekretariat das Beratungskomitee (Advisory Committee) sowie die Treffen der Vertragsparteien (Meetings of the Parties, MOP) vor. MOP ist das Entscheidungsgremium von ASCOBANS, das in einem dreijährigen Rhythmus tagt. Das Advisory Committee (AC) trifft sich jährlich, das Sekretariat in Bonn nimmt zugleich die Aufgaben im Rahmen der CMS, von EUROBATS und AEWA wahr.

Ziele des Abkommens

Das Hauptziel von ASCOBANS ist die Förderung einer engen Zusammenarbeit der Vertragsparteien, um einen günstigen Erhaltungszustand für Kleinwale, die sich im Geltungsbereich des Abkommens aufhalten, herbeizuführen und aufrecht zu erhalten. Die Vertragsparteien führen die in der Anlage zum Abkommen vorgeschriebenen Erhaltungs-, Forschungs-, Hege- und Nutzungsmaßnahmen durch, vgl. Art. 2.1 und 2.2 des Abkommens. Der Erhaltungs- und Managementplan ist als Annex („Anlage“) des Abkommens als „Erhaltungs- und Bewirtschaftungsplan“ verabschiedet worden (Conservation and Management Plan).

Im Erhaltungs- und Bewirtschaftungsplan ist u. a. festgehalten, dass die Freisetzung von Stoffen, die eine mögliche Bedrohung für die Gesundheit der Tiere darstellen, sowie sonstige erhebliche Störungen, insbesondere akustischer Art, verhütet werden sollen (vgl. Punkt 1.a und 1.d der Anlage). Außerdem sollen in Zusammenarbeit mit anderen zuständigen internationalen Organisationen veränderte Fischereigeräte und -methoden  entwickelt werden, um die Beifangrate zu reduzieren und das Abtreiben oder Zurücklassen von Fanggeräten auf See zu vermeiden. Hierbei sollen die verfügbaren Daten herangezogen werden, die nicht vertretbare Wechselwirkungen anzeigen, vgl. Punkt 1.b der Anlage. Daneben sollen die Vertragsparteien nach Punkt 2 der Anlage Untersuchungen (surveys and research) durchführen, um den Zustand und saisonabhängige Bewegungen der betreffenden Populationen und Bestände zu beurteilen, und um Gebiete zu lokalisieren, die für den Fortbestand dieser Populationen und Bestände von besonderer Bedeutung sind. Die Untersuchungen sollen weiterhin vorhandene und mögliche Bedrohungen für die verschiedenen Walarten identifizieren. Nach Punkt 3 der Anlage bemüht sich jede Vertragspartei, ein wirksames System zur Meldung und Rettung von Beifängen und gestrandeten Tieren zu entwickeln und im Rahmen der vorgenannten Untersuchungen vollständige Autopsien durchzuführen, um Gewebe für weitere Untersuchungen zu gewinnen, mögliche Todesursachen festzustellen und die Nahrungszusammensetzung zu dokumentieren. Die gesammelten Daten werden in einer internationalen Datenbank zur Verfügung gestellt. Die Vertragsparteien bemühen sich nach Punkt 4 der Anlage ein nationales Verbot hinsichtlich der absichtlichen Entnahme aus der Natur und der Tötung von Kleinwalen festzulegen, sofern ein solches nicht schon in Kraft ist und verpflichten sich, alle lebend gefangenen gesunden Tiere sofort wieder freizusetzen. Maßnahmen zur Durchsetzung dieser Vorschriften sollen auf nationaler Ebene erarbeitet werden. Nach Punkt 5 der Anlage ist die Öffentlichkeit mit Informationen zu versorgen, um allgemein die Unterstützung der Ziele des Abkommens zu gewährleisten und insbesondere die Meldung gesichteter und gestrandeter Tiere zu erleichtern. Daneben ist die Fischerei zu informieren, um die Meldung von Beifängen und die Ablieferung toter Tiere in dem für Forschungsarbeiten im Rahmen des Abkommens erforderlichen Umfang zu erleichtern und zu gewährleisten.

Der Schutzansatz des ebenfalls im Rahmen der Bonner Konvention geschlossenen Abkommens vom 31.03.1992 zur Erhaltung der Kleinwale in Nord- und Ostsee [6] ist nicht eindeutig ökosystemar. In der Anlage finden sich unter der Überschrift „Erhaltung des Lebensraums sowie Hege und Nutzung“ eher „klassische“ Schutzmaßnahmen wie die Verhütung der Freisetzung von Stoffen und die Verhütung von Störungen, ergänzt um die Verringerung von Beifängen und – hier geht es schon um einen ökologischen Funktionszusammenhang – die Verringerung von ernsthaften Beeinträchtigungen der Nahrungsquellen der Tiere. Jedenfalls verpflichten sich die Vertragsparteien zur Zusammenarbeit, um eine günstige Erhaltungssituation für die Kleinwale herbeizuführen und aufrechtzuerhalten und knüpfen damit an die Begrifflichkeiten der Bonner Konvention an, die mit ihrer ökologischen Dimension bereits beschrieben wurden. Das Walschutzgebiet bei Sylt knüpft an diese völkerrechtlichen Rechtsgrundlagen (mit) an.


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Quellen:
[1] E. Hoyt (2005), Marine Protected Areas for Whales, Dolphins and Porpoises, Earthscan, London, S. 14.
[2] Grzimek Enzyklopädie Säugetiere, Band IV, S. 346.
[3]

ASCOBANS Fact Sheet Nr. 1, Januar 2003, Quelle: http://www.ascobans.org.

[4] Vgl. M. Scheidat, A. Gilles, U. Siebert (2006), Evaluating the distribution and density of harbour porpoises (Phocoena phocoena) in selected areas in German waters, S. 189 – 208, in: H. von Nordheim/D. Boedeker/J. Chr. Krause (eds.), Progress in Marine Conservation in Europe, Springer, Berlin/Heidelberg, S. 189 ff.
[5] Agreement on the Conservation of Cetaceans of the Black Sea, Mediteranian Sea and Contigeous Atlantic Area.
[6] BGBl. II 1993 S. 1113; engl.: Agreement on the Conservation of Small Cetaceans of the Baltic and North Sea (ASCOBANS).